Ein Beitrag von Volker Knaup
Schon im Jahr 2003 haben sich die Umweltkommission und der Magistrat der Stadt Lorsch mit der Frage beschäftigt, ob in der Lorscher Gemarkung die Weideviehhaltung eine sinnvolle Maßnahme zum aktiven Naturschutz sein könnte.
Ausgelöst wurde die Diskussion durch das Ergebnis einer Studie zur Wiederansiedlung von Laubfrosch und Sumpfschildkröte des Biologen Matthias Gall aus Gießen im Gemeinschaftsauftrag des NABU, des Kreises Bergstraße und des Einhäuser Vogelschutzvereins. Diese Studie verwies erneut auf die Wertigkeit der Weschnitzinsel von Lorsch auch zum Beispiel für den Laubfrosch und schlug für alle untersuchten Bereiche in der Region zwischen Bergstraße und Rhein die Beweidung als Form der Landschaftspflege vor.

Allein an den dafür erforderlichen Tieren haperte es. Diese müssen nämlich für die jahresübergreifende Haltung im Freiland besonders robust sein. Das sind wenige Eselarten, Skudden oder Heidschnucken, durchaus auch Ziegen und manche Rinderarten, wie z. B. die Galloways.
Solche Arten werden aber heute kaum noch von der Landwirtschaft gehalten, weil sie nicht den wirtschaftlichen Ertrag bringen können. Zudem ist die Weideviehhaltung unter Vorgaben des Naturschutzes sehr arbeitsintensiv bei geringem finanziellen Einkommen.
Da kam den Verantwortlichen der Stadt das Angebot des Landschaftspflegehofes Stürz aus Ober-Ramstadt gerade recht. Herr Stürz betreibt dort seit einigen Jahren einen Landschaftspflegehof und arbeitet mit seinen hunderten von Schafen, ca. 10 Eseln, 15 Rindern und manchmal auch einigen Ziegen und den erforderlichen Hütehunden im Sinne des Naturschutzes.

Nach anfänglichen Schwierigkeiten mit den Behörden, den Landwirten und der Jägerschaft hat er sich heute etabliert und wird von den Behörden genauso eingesetzt, wie von Landwirten und dem Forst.
Herr Stürz suchte eine Erweiterung der Flächen im südhessischen Ried zwischen Hähnlein und Viernheim, weil seine Mitarbeiterin Simone Häfele bald das Studium abschließen würde und dann ebenfalls für den vorstehend besagten Bereich einen ähnlichen Hof einrichten wollte.
Das geht aber nur mit der Unterstützung der Kommunen, die künftig Pflegearbeiten an Frau Häfele vergeben müssen, damit sich der Hof finanziell trägt und genug abwirft, damit man in bescheidenem Maße davon leben kann.
Lorsch hat diese Idee aufgegriffen und eine erste Zusammenarbeit beauftragt. Gerade für sensible Flächen wie den „Roten Boden“ oder die „Weschnitzinsel“ eignen sich die Pflegemaßnahmen mit den Tieren besonders, wie neueste Bestandsaufnahmen der Flora und Fauna dies mittlerweile bestätigten.
Zum Jahresende 2003 und in den Jahren 2004 und 2005 beweideten nun unter großem Interesse der Bevölkerung eine kleine Schafherde (zumeist Skudden), zwei Galloway-Ochsen und wechselnd 3 bis 5 Esel unter der Führung deren Chefs „Hannibal“ verschiedene der Stadt gehörende Flächen.

Sie machten ihre Arbeit sehr gut. An unterschiedlichen Flächen wurde zunächst das Pflegeziel festgelegt und der Einsatz der dafür geeigneten Arten besprochen. Stets wurde unter größter Sorgfalt gearbeitet und wenn nötig, legten Frau Häfele und deren Lebensgefährte mit Freunden selbst noch Hand an, um Gebüsche zu schneiden oder nicht standortgerechte Arten von Hand zu beseitigen.
So entwickeln sich derzeit gerade die Flächen im „Roten Boden“, in der „Unner“, in der „Weschnitzinsel von Lorsch“ und im „großen Biotop“ bei Hüttenfeld ganz hervorragend. Handeinsatz der Naturschützer wird reduziert, die Artenvielfalt für Flora und Fauna wird erhöht.
Besonders freut es die städtischen Verantwortlichen, dass nun auch das Forstamt Lampertheim eine Zusammenarbeit mit Frau Häfele ankündigte. Nur die Zusammenarbeit aller behördlichen Stellen wird zu einem Verbundnetz führen, das dem jungen landwirtschaftlichen Hof langfristig sein überleben sichert.
Auch die Kreismülldeponie Lampertheimer Wald hat noch viele Ausgleichsflächen, die einer solchen Art der Pflege zugeführt werden könnten. Andere Kommunen haben sich das Projekt bereits angesehen und die Empfehlung der Stadt Lorsch ist klar:
Die Beweidung durch Robust-Rassen verschiedener Arten ist eine sinnvolle Alternative, langfristig die Pflege der vielen Ausgleichsflächen in der Gemarkung kostengünstig zu sichern. Die Artenvielfalt erhöht sich zusehends und die Attraktivität für Touristen, Kinder und Schulen sowie den sanften Tourismus ist sehr hoch.
Eine sehr angenehme Begleiterscheinung ist, dass sich viele gerade ältere MitbürgerInnen um die Tiere auf ihren Weiden liebevoll kümmern und auf sie und deren Einzäunungen aufpassen. Vielen Dank dafür. Gerade diesen Personen werden an ihre Jugend erinnert, wo die Weideviehhaltung ständiger Begleiter war.
An dieser Stelle sei auf die Internet-Seite des NABU Deutschland verwiesen. Hier werden alljährliche die Biotope des Jahres dargestellt. Für die Jahre 2004 und 2005 hat man seitens der Verantwortlichen die Viehweide als Biotop des Jahres gewählt. In einer ausführlichen Darstellung wird erläutert, warum die Viehweide für sehr wertvoll gehalten wird.
Dabei zeigt der NABU die Details auf zur Erhaltung bzw. Wiederherstellung von artenreichem Grünland, stellt die Besonderheiten der Weidetiere in artgerechter Haltung dar und sensibilisiert für die Erhaltung einer vielfältigen Kulturlandschaft.
Damit wird der Stadt Lorsch bestätigt, dass sie bei ihrer Entscheidung im Jahr 2003, die naturgemäß nicht überall auf Gegenliebe stieß, völlig richtig lag. Auch das Land Hessen setzt Signale, indem es vor kurzem ein Projekt anlaufen ließ, das für den Bereich zwischen Hähnlein und Weiterstadt untersuchen soll, wie sich die Weideviehhaltung auf die Sandflora auswirken wird. Wie man der Presse entnehmen konnte, wendet das Land dafür einen Betrag von über 1 Mio. EUR auf.
In weiteren Beiträgen werden die im Einsatz befindlichen Arten vorgestellt und dargestellt, wo sie den größten Wirkungsgrad zeigen. Dabei werden Aussagen der Biologen einfließen aber auch die Erfahrungen von Frau Häfele notiert. Ziel ist es, die Weideviehhaltung im südhessischen Ried zu etablieren und zu einer Selbstverständlichkeit werden zu lassen.
Damit würde ein wichtiger Baustein für die Erhaltung der Strukturen und deren Verbesserung geschaffen.


