Ein Beitrag von Hans Ludwig (Bahnhofstrasse 52, Lorsch)
| Im südöstlichen Teil der Lorscher Gemarkung, zwischen Neuer Weschnitz und dem Damm des Hochwasser-Rückhaltebeckens, liegt das Naturschutzgebiet "Weschnitzinsel von Lorsch". Das am 10. Dezember 1979, damals vorrangig zum Schutz des Großen Brachvogels ausgewiesene Gebiet in einer Grösse von 200 Hektar, ist ökologisch gesehen, das Relikt einer einstmals riesigen Wiesenfläche, die sich zwischen den Städten Lorsch und Heppenheim im Norden und den Städten Weinheim und Viernheim im Süden hinzog. Die ursprüngliche Wiesenlandschaft war geprägt von einem hoch anstehenden Grundwasserspiegel und häufigen Dammbrüchen der beiden Weschnitzen, der Alten und Neuen Weschnitz, insbesondere während der Schneeschmelze im zeitigen Frühjahr. Obwohl die Menschen der Region über Jahrhunderte einen steten, oftmals aber vergeblichen, Kampf gegen die Hochwässer und Dammbrüche führten, kam es erst in den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts zu einer befriedigenden Lösung besagter Probleme. So wurde zunächst innerhalb eines Generalkulturplanes ein umfangreiches Entwässerungs- Grabensystem angelegt. Mit Wasserwerken in Hemsbach und in den Riedforsten ergab sich eine zusätzliche Absenkung des Grundwasserspiegels. |
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Die massiven Eingriffe in diese Landschaft überlebte eigentlich nur der Grosse Brachvogel (Numenius arquata) und der Kiebitz (Vanellus vanellus). Brüteten in der riesigen Wiesenlandschaft zuvor noch bis zu 15 Paare Brachvögel, so waren es bei der Ausweisung zum NSG nur noch vier Brutpaare. Bereits zu Ende der fünfziger Jahre verschwand die Wiesenralle (Crex crex), in den sechziger Jahren Bekassine (Gallinago gallinago), Uferschnepfe (Limosa limosa) und Sumpfohreule (Asio flammeus). Braunkehlchen (Saxicola rubetra) und Viehstelze (Motacilla flava), heute als Brutvögel verschwunden, waren gewöhnliche Vogelarten, die man wegen ihrer Häufigkeit kaum beachtete. Eine Kolonie des Schwarzstirnwürgers (Lanius minor) mit 6 bis 8 Brutpaaren erlosch ungefähr zum selben Zeitpunkt, nachdem man ihre Brutbäume, die Pyramidenpappeln an der Alten Weschnitz, gefällt hatte. Zum schnellen Verschwinden der genannten Arten trug nicht zuletzt auch der Bau der A5, ebenfalls in den sechziger Jahren bei, deren Trasse in Nord-Südrichtung durch die ehemalige Wiesenlandschaft führt.
Angesichts des stark geschrumpften Brachvogelbestandes war die Ausweisung der noch verbliebenen Wiesen zum Naturschutzgebiet eine absolut notwendige Alternative. Während zur Zeit der Ausweisung 4 Brutpaare im NSG brüteten, erhöhte sich die Zahl der Brutpaare bis zum Jahr 1985 auf 6 Brutpaare, wobei deren Bruten immer dann hochkamen, wenn zur Mahdzeit der Wiesen regnerisches Wetter vorherrschte, so dass die Landwirte zu einem späteren Zeitpunkt zur Mahd gezwungen waren. Erfolgreichstes Brutjahr war mit sieben flugfähigen Jungvögeln das Jahr 1986, in dem die Landwirte infolge eines ausgeprägten Tiefs erst nach Mitte Juni mähen konnten. Nachdem im Jahr 1987 noch 5 Brutpaare ohne Bruterfolg im Gebiet brüteten, ging die Zahl der Brutpaare zwischenzeitlich auf ein Paar zurück, das in den letzten Jahren ohne Nachwuchs blieb. In der Regel verlassen die Brachvögel in der dritten Dekade des Juni das Brutgebiet. Im Jahr 2000 war es nur noch ein Vogel der zu dieser Zeit das Gebiet verliess. Der zweite Vogel dürfte im Brutgebiet durch Prädatoren um`s Leben gekommen sein. Zur Zeit der Rückkehr aus dem Winterquartier, gewöhnlich in den letzten Tagen des Februar, stellte sich nur noch dieser eine Vogel im Gebiet ein. Mit grosser Freude stellten die Gebietsbetreuer am 18. März 2001 einen weiteren Vogel fest, so dass im Jahr 2001 wieder ein Brutpaar, wie Kopula-Beobachtungen zeigten, das Gebiet bewohnte. Offensichtlich ging aber das Gelege des Paares bei der Silagemahd zugrunde. Die Begebenheit gibt Anlass zur Hoffnung, dass der Brachvogel im Naturschutzgebiet trotz der Probleme mit der Landwirtschaft und dem Besucherdruck vielleicht noch eine Bleibe hat. Beim Kiebitz als Brutvogel ist die Sache nicht so problematisch, da er bereits sehr früh mit dem Brutgeschäft beginnt, so dass die Jungen bei der Mahd der Wiesen nicht selten bereits flugfähig sind. Als weitere Brutvögel des Naturschutzgebietes wären Steinkauz (Athene noctua), Rebhuhn (Perdix perdix), Fasan (Phasianus colchicus), Wachtel (Coturnix coturnix), Feldlerche (Alauda arvensis) und die anderen Ortes bereits selten gewordene Grauammer (Miliaria calandra) zu erwähnen. Im Jahr 1980 brütete erstmals in neuerer Zeit wieder eine Wiesenweihe ( Circus pygargus) im Gebiet, deren Gelege zwar vor dem Ausmähen in letzter Sekunde bewahrt, dennoch von den Rabenkrähen vernichtet wurde.
Ständige Nahrungsgäste sind Kormoran (Phalacrocorax carbo),Weisstorch (Ciconia ciconia), Graureiher (Ardea cinerea), Roter und Schwarzer Milan (Milvus milvus und Milvus migrans), Mäusebussard (Buteo buteo), Rohrweihe (Circus aeruginosus), Wanderfalke (Falco peregrinus), Turmfalke (Falco tinnunculus) und Baumfalke (Falco subbuteo), sowie der farbenprächtige Eisvogel (Alcedo atthis), um nur einige Arten zu nennen.
Neben seiner Wichtigkeit als Brutgebiet für selten gewordene Wiesenvogelarten, gewinnt das Naturschutzgebiet "Weschnitzinsel von Lorsch" zunehmende Bedeutung als Trittstein für wandernde und ziehende Vögel, zumal in der uralten Vogelzugstrasse Oberrheinische Tiefebene gerade in den letzten Jahrzehnten viele Rast- und Nahrungsgebiete durch ständige Bebauung und Kultivierung verloren gingen. Im Naturschutzgebiet überwintern Graureiher (Ardea cinerea), Mäusebussard, Wiesenpieper (Anthus pratensis), Kornweihe (Circus cyaneus), gelegentlich auch der Raubwürger (Lanius excubitor), sowie der kleine Zwergtaucher (Tachybaptus ruficollis). Während der Zugzeit rasten nicht selten an die 1000 Kiebitze, treffen wir Trupps von Goldregenpfeifern (Pluvialis apricaria), Bruch- und Waldwasserläufer (Tringa glareola und Tringa ochropus), die Bekassine (Gallinago gallinago) und die verschiedensten Entenarten, Schwärme von Feldlerchen, mitunter auch den seltenen Fischadler (Pandion haliaetus) und viele Arten mehr.
Um gerade die Trittsteinfunktion des Gebietes zu erhöhen, sollen in Kürze die bis zu 80 Zentimeter tiefen Altmäander der Weschnitzinsel mit Wasser aus der Alten Weschnitz, zumindest während der Zugzeit der Vögel, geflutet werden, um das Nahrungsangebot rastender Vögel zu erhöhen. Lesen Sie dazu auch einen weiteren Beitrag von Hans Ludwig.
Nebenbei bemerkt verwaltet das Hessische Forstamt Lampertheim das Naturschutzgebiet "Weschnitzinsel von Lorsch". Darüber hinaus betreuen seit der Ausweisung als NSG vier Mitglieder aus Hessischer Gesellschaft für Ornithologie und Naturschutz (HGON) und Naturschutzbund Deutschland (NABU) in ehrenamtlicher Tätigkeit das Gebiet.
Auch der Storch wird in Lorsch wieder öfter angetroffen > weitere Infos zur "Lorscher Storchengeschichte"





