Symbol auch für die Freundschaft, die weiter wachsen soll
Neue Bäume für den alten Kiefernwald
Es war noch recht frisch, als sich der Jugendrat und seine Gäste aus Bulgarien morgens um neun Uhr trafen, um gemeinsam Bäume zu pflanzen. Das anfängliche Frösteln war jedoch schnell verflogen. Die kleinen Kiefern waren schwerer als sie aussahen

und auch das Graben des Loches, in das die Bäume gepflanzt werden sollten, machte eine weitere Warming-up-Gymnastik überflüssig.
"Steht der Baum jetzt gerade? Wo ist die Zange? Ich habe Handschuhe an, lass mich den Baum halten" - es gab viel zu tun. In Teams aus bulgarischen und deutschen Jugendlichen wurde gegraben, hantiert und gepflanzt. Dabei war nicht nur das Pflanzen der zwölf Bäume an sich eine Aufgabe, bei der sich das Team koordinieren musste, auch die Verständigung war Kooperations-Sache. Aber mit Englisch, beziehungsweise einer Mischung aus Englisch, Deutsch, Bulgarisch und Russisch kam man l zum Ziel. Vergnügt setzte jeder die Vokabeln ein, die er in einer der Sprachen einmal aufgeschnappt hatte und spätestens mit Pantomime bekam man, was man wollte.
Warum die Jugendlichen die Bäume pflanzten, hatte gleich mehrere Gründe: Zum einen hat das Pflanzen von Bäumen eine symbolische Bedeutung. Der Kontakt zwischen der bulgarischen Stadt Kozloduy und Lorsch soll stetig wachsen, tief verwurzelt sein und lange bestehen. Als die Lorscher Jugendlichen im vergangenen Jahr in Bulgarien waren, haben sie auch dort in einer großen

Grünanlage mit relativ wenigen Bäumen einige Schattenspender gepflanzt. Neben der symbolischen Bedeutung, ist die Pflanz-Aktion für die Jugendlichen eine wertvolle gemeinsame Erinnerung an das, was sie zusammen geschaffen haben - auch durch ihren interkulturellen politischen Austausch.
Zudem war die Aktion auch wichtig für den nachhaltigen Umgang mit der Landschaft rund im Lorsch. Der Waldbereich nahe der Biogasanlage, an dem die Jugendlichen Hand anlegten, sei alt geworden, wie die Mitarbeiter des städtischen Betriebshofs erklärten, die den noch nicht so erfahrenen Pflanzern mit Rat und Tat zur Seite standen. Das Alter des Waldes gehe damit einher, dass die Dünenlandschaft nach und nach Kiefern verliere.
Um die Dünenlandschaft mit ihren Kiefern zu erhalten, seien immer wieder neue Bäume nötig. Nachhaltigkeit war es auch, was Armin Kurt Knaup im Sinn hatte, als er die Bäume sponsorte.
Austausch: Lorscher und Bulgaren bereden kulturelle Unterschiede Lange Schulzeit und gute Küche überraschtenDass Bulgarien noch vor zwanzig Jahren von einer kommunistischen Herrschaft regiert wurde, spielt für die Jugendlichen heute kaum noch eine Rolle. Deanna, Lora und Madlena, 16, 17 und 18 Jahre alt, ist ihre junge Geschichte jedenfalls nicht präsent. Sie besuchten jetzt im Rahmen einer Jugendbegegnung die Klosterstadt, wohnten in Gastfamilien und taten sich im politischen und gesellschaftlichen Leben um. So wie eine Gruppe Deutscher vor einem Jahr in Kozloduy, einer Kleinstadt in der Nähe von Sofia.
Der Jugendaustausch, den das "Haus am Maiberg" und die Kinder- und Jugendförderung Lorsch in Kooperation mit dem Lorscher Jugendrat sowie - auf bulgarischer Seite - die Organisation Nova Ideja betreut, steht dabei durchaus unter politischem Tenor. Unter dem Titel "Learning active Politics" sollen Jugendliche im Vergleich der Kulturen ein Bewusstsein für Demokratie und für Partizipation schärfen.
Die zehn Bulgaren kommen aus der Kleinstadt Kozloduy, in der die Bewohner ihr Brot hauptsächlich in einem Kernkraftwerk verdienen.
Unter anderem waren sie in der Lorscher Siemens-Schule zu Gast. Leiter Philipp-Otto Vock stellte ihnen in einer Powerpoint-Präsentation und einem Rundgang die Schule und ihr System vor. Die sprachlichen Hürden überbrückte Kartazyna Jarnut. Der Bulgare lebt seit drei Jahren in Deutschland.
Freiwillig lange in die Schule
Die jugendlichen Besucher notierten eifrig mit. Die Schüler kennen keine Dreigliedrigkeit des Systems. Bei ihnen entscheidet sich nach der 10. Klasse auf der Basis ihrer Noten und einer Zulassungsprüfung, wer das Gymnasium besuchen darf. Unterricht ist dort zwischen 7.30 und 12.30 Uhr.
Schulleiter Vock zeigte den Besuchern auf, welche Lernangebote durch Arbeitsgruppen und Workshops über den Unterricht hinaus bestehen und dass bereits die Ganztagsschule im Aufbau ist. "Was sagen die Schüler dazu?", wunderte sich eine Bulgarin, dass das freiwillige Angebot in der Unterstufe zwei Drittel der Fünftklässler wahrnehmen.
Die Gruppe hatte nach einer Begrüßung durch Bürgermeister Klaus Jäger das Jugendzentrum und das Kloster kennen gelernt, hatte zwölf Bäume Nähe der Kläranlage gepflanzt (siehe nebenstehenden Bericht), das Kraftwerk in Biblis besucht und Diskussionen mit Vertretern von Naturschutzgruppen und der Grünen geführt.
Disco statt Lagerfeuer beliebt
Einiges war für die jungen Gäste aus Osteuropa kulturelles Neuland. Sie waren überrascht über eine internationale Küche, die in Deutschland gang und gebe ist, und auch über den Zusammenhalt von Jugendgruppen. "Wir würden nie am Lagerfeuer sitzen und singen", meinten sie, "wir gehen immer in die Disco".
Christoph Drayß beteiligt sich an dem Jugendaustausch von deutscher Seite. Im Mittelpunkt stehen Diskussionen um Fragen zur politischen Mitwirkung und Gestaltung, um demokratische Werte wie Freiheit und Gleichberechtigung. "Für die bulgarischen Jugendlichen stehen die Themen im Alltag nicht auf der Tagesordnung. Wer sich dort politisch betätigt und vor allem, wenn er gegen den Strom schwimmt, wird verhöhnt", meinte er. Er besuchte vor einem Jahr im Rahmen des Austauschs Kozloduy. Er gewann den Eindruck, dass man nicht über Geschichte und Gesellschaft redet und die kommunistische Vergangenheit zur Seite schiebt.
Das Leben in manchen Plattenbauten sei noch weit entfernt vom westlichen Standard. Die Straßen seien zum Teil ungeteert und wiesen Schlaglöcher auf. Die Wohnungen seien klein. Begeistert zeigte er sich von der Gastfreundschaft und dem problemlosen Umgang miteinander. Er lebte in einer Familie mit drei Kindern in einer Zwei-Zimmer-Wohnung. An einem Wochenende fanden auch Freundin und Schwiegervater noch zusätzlich Platz.
Auf der anderen Seite entdeckte er eine Perspektivlosigkeit unter den Jugendlichen. Karrierepläne zu entwickeln, sei ihnen fremd. Viele seien froh, wenn sie ein Auskommen auch auf niedrigem Niveau hätten. Begeistert war er von Fire Spinning, ein Feuer-Jonglage-Sport, zu dem man sich auf öffentlichen Plätzen trifft.
© Text Bergsträßer Anzeiger 15.04.2010