Dem Hauptausschuss der regionalen Planungsversammlung legte die Deutsche Bahn am 12. Februar neue Unterlagen vor, wonach nun auch die sogenannte Ostvariante entlang der A 67 in die Planungen der ICE-Neubaustrecke Frankfurt-Stuttgart aufgenommen wurde. In Lorsch löste dies Entsetzen aus.
Bürgermeister Klaus Jäger hatte schon von Beginn an von einem Supergau für Lorsch gesprochen, sollte die ohne nennenswerte Tunnel geplante Variante realisiert werden. "Die Pläne der Bahn sind erschreckend. Die neuen Streckenvarianten sind für Mensch

und Natur absolut unzumutbar", erklärte Werner Groß, der jetzt als Kreisverbandsvorsitzender der Schutzgemeinschaft Deutscher Wald zu einer Informationsveranstaltung nach Lorsch eingeladen hatte.
Über 80 interessierte Bürger und politische Vertreter kamen am Montagabend in den Schnitzer-Saal. "Lösungen zu erarbeiten, die möglichst allen Beteiligten ein Entgegenkommen signalisieren, auch dem Betreiber Deutsche Bahn", formulierte der Organisator Groß die Zielsetzung der Veranstaltung. Das Projekt müsse unter Bedingungen realisiert werden, die für Mensch und Natur nachhaltig akzeptiert werden könnten. "Bauen darf nicht heißen: Zerstören", so Groß. Tunnelbau sei die einzige menschen- und naturverträgliche Lösung für die Region.
Um diese Ansicht zu untermauern, hatte Groß den Experten Johannes Truschel als Redner verpflichtet. Der Bensheimer Tunnelbau-Ingenieur ist seit über 30 Jahren im internationalen Baugeschäft tätig. Sein fundiertes Fachwissen trug er anhand einer Präsentation eines von ihm geleiteten Tunnelbau-Projektes im schwedischen Malmö vor.
300 bis 500 Millionen EuroBereits während seines Vortrages mit dem Titel "Tunnelbau im Sand und im Grundwasser", mit dem er die Bauweisen Trog und bergmännischer Tunnel darstellte, beantwortete er zahlreiche Nachfragen aus dem Publikum.
Generell seien sandiger Boden und ein hoher Grundwasserstand die größte Herausforderung für Tunnelbauer, die sich auch in den Kosten widerspiegeln würde. Ein zehn Kilometer langer bergmännischer Tunnel würde etwa 300 bis 500 Millionen Euro kosten. Ein Tunnel würde immer aufgrund der Topographie oder der vorhandenen Bebauung, nur selten aber wegen Lärmbelästigung realisiert, stellte Truschel nüchtern fest.
Die einzige Chance, hier den Bau eines Tunnels zu erreichen, läge dementsprechend auf dem vehementen Einsatz für den Naturschutz, folgerte Werner Groß.
Mit Zähnen und Klauen verhindernBürgermeister Klaus Jäger stellte in seinem Sachstandsbericht die Position der Stadtverwaltung klar heraus: "Mit Zähnen und Klauen werden wir die Ostvariante zu verhindern versuchen." Das kategorische Nein der Stadt zu der weitestgehend tunnelfrei geplanten Variante stehe. Diese würde sehr nahe an der Besiedlung und den Naherholungsgebieten vorbeiführen und vor allem durch den Güterverkehr erhebliche Lärmbelästigungen bewirken.
Da die Bahn sich bezüglich der Realisierungswahrscheinlichkeiten der einzelnen Varianten sehr bedeckt halte, sei eine große Wachsamkeit gefordert, so Jäger. Notfalls müsse die bisherige Taktik geändert und eine kürzere Tunnellösung nur für Einhausen und Lorsch eingefordert werden.
Die beiden Vorsitzenden der Bürgerinitiative "Mensch vor Verkehr" trugen ebenfalls ihren Standpunkt zu den aktuellen Entwicklungen vor. "Die Ostvariante ist für die BI nicht konsensfähig. Diese Variante ist untragbar", erklärte der Einhäuser Dr. Helmut Klepper. Sein Lorscher Stellvertreter Dirk Claassen sprach ähnlich klare Worte: "Jetzt ist Schluss", stellte er nach dem Bekanntwerden der neuen Planungen klar. Die Beiträge der BI zu den Planungen seien bisher stets auf Mitarbeit und Konsens ausgelegt gewesen, erklärte Claassen. Er sei es nun satt, dass immer wieder neue Varianten ins Spiel gebracht würden. "Kommt die Ostvariante, wird aus der Weltkulturerbestadt eine Geisterstadt", mahnte der Lorscher.
Ein Hoffen auf lärmtechnische Nachbesserungen in 20 Jahren sei der falsche Weg, heute müsse richtig gebaut werden. "Wir werden alles tun, dass die Ostvariante nicht kommt", versprach Claassen. Ein Gast empfahl notfalls den juristischen Gang nach Brüssel.
Nach wie vor sieht die Bürgerinitiative eine lange bergmännische Tunnellösung als ideal an. Mit einem Aktionstag im Lorscher Bannwald wollen die Mitglieder am 21. März (einem Sonntag) ein weiteres Mal auf die Bedeutung der geplanten Varianten der ICE-Neubaustrecke für die Stadt Lorsch aufmerksam machen.
© Bergsträßer Anzeiger 24.02.2010
© Bild: Thomas Neu
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