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Mahnung zur Wachsamkeit und zum Kampf gegen Wiederholung

Zahlreiche Bürger gedachten am 9. November der Opfer des Naziterrors


An der Gedenkstätte

GEDENKEN. Eigentlich kommt die Gedenkstätte für die Lorscher Opfer des Dritten Reiches, vorwiegend jüdische Mitbürger, nur einmal im Jahr so richtig zur Geltung, am 9. November, der xReichskristallnacht,x wenn Bürgermeister und Stadtverordnetenvorsteher, unser Bild, im Namen der Gemeinde ein Blumengesteck niederlegen. ml/Bild: ml

 

Menschen an der Gedenkstätte

MAHNUNG. Trotz regnerischen Wetters trafen sich am Abend des 9. November über 30 Menschen an der Gedenkstätte für die Opfer des Naziterrors in der Schulstraße. Bürgermeister Klaus Jäger, links, erinnerte in einer Rede an die Gräueltaten dieser Zeit und mahnte den Kampf gegen Wiederholungen dieser Art an. ml/Bild: ml

Lorsch. Ein Blumengesteck legten Bürgermeister Klaus Jäger und Stadtverordnetenvorsteher Harald Horlebein als Vertreter der Lorscher Bürgerschaft am Abend des 9. November an der Gedenkstätte für die Lorscher Opfer des Naziterrors in der Schulstraße nieder. Zahlreiche Bürger hatten sich trotz schlechten Wetters dort eingefunden, um am Datum der xReichskristallnachtx, als auch die Lorscher Synagoge in der Bahnhofstraße niedergebrannt wurde, der ermordeten Mitbürger zu gedenken. Es sei ein Gedenken an die Menschen, die unter den Pogromen der Nazis hätten leiden müssen, die ihre Gesundheit und ihr Leben verloren hätten, sagte Bürgermeister Klaus Jäger in einer kurzen Ansprache. Die Vorkommnisse in der Nacht vom 9. zum 10. November 1938 seien schlimme und beschämende Ereignisse in der deutschen Geschichte gewesen, mit denen eine Entwicklung eingeleitet worden sei, die man als schweren Schlag gegen Anstand, Zivilisation und Humanität verstehen müsse. Man dürfe nicht vergessen, dürfe das Erinnern aber auch nicht zu einem Ritual verkommen lassen, mahnte das Stadtoberhaupt. Ohne Erinnerung bestehe die Gefahr, xdass wir in unserem Staat, unserer Gesellschaft und unserer Gemeinschaft die Orientierung und Identität verlieren.x Man müsse dies den folgenden Generationen weitergeben, um der Opfer und sich selbst gerecht zu werden. Erinnern bedeute Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus, den Entwürdigten Gerechtigkeit angedeihen zu lassen. Man müsse sich aber auch der Taten und der Täter erinnern, müsse sich fragen, wie Mitmenschen dazu gebracht werden konnten, andere Menschen auszusondern und zu vernichten? Erinnern müsse Trauer über Leid und Verlust zum Ausdruck bringen aber auch zur Wachsamkeit und zum Kampf gegen Wiederholung motivieren. Erinnern müsse so gestaltet sein, dass jüngere Generationen ihre Verantwortung für Demokratie, Freiheit und Menschenwürde verinnerlichen könnten.

Man müsse mit jungen Menschen den Dialog suchen, damit sie die richtigen Schlüsse ziehen könnten. In Anspielung auf wieder aufkommende recht braune Tendenzen in der Bundesrepublik forderte Klaus Jäger auf, sich vor Augen zu führen, dass immer dann, xwenn irgendwo unterschieden, klassifiziert und selektiert wird, niemand sicher sein kann, dass er nicht eines Tages selbst zu den Ausgesonderten gehört.x Es liege in unserer Verantwortung, gegen solche Entwicklungen anzugehen. xEs darf nicht zugelassen werden, dass die Wertigkeit eines Menschen abhängig gemacht wird von seiner Rasse oder Herkunft, von Überzeugung oder Glauben, von Gesundheit oder Leistungsfähigkeit. Es sei aber auch wichtig, beim Erinnern an die Geschichte des Dritten Reiches auch diejenigen nicht zu vergessen, die Widerstand geleistet hätten, militärisch oder im Alltag. Diese Aktionen seien ein Beleg dafür, dass das Gewissen funktionieren könne, dass der Einzelne nicht ganz machtlos sei. Über 4000 Deutsche würden heute in der Jerusalemer Gedenkstätte Yad Vashem als Jugendretter geehrt. Sie hätten Vorbildfunktion für unsere Jugend. Abschließend zitierte Klaus Jäger den früheren Bundespräsidenten Roman Herzog zu dieser Art Heldentum. xHeldentum dieser Art wird wohl nie zu einer alltäglichen ethischen Verhaltensweise werden. Niemand kann es von anderen einfordern. Erst recht – auch das sage ich vor allem den Jungen – darf sich niemand im Nachhinein einbilden, er selbst wäre im Ernstfall ein Held gewesen. Umso mehr haben wir alle die tägliche Pflicht, für Verhältnisse in unserem Land zu sorgen, in dem niemand ein Held sein muss, um ein guter, um ein anständiger Mensch zu sein.

 

Lieder ließen jüdische Seele klingen


Liederabend mit Esther Lorenz und Peter Kuhz im Nibelungensaal des Rathauses



EINFÜHLSAM. Mit zart klingenden Liedern, von Gitarrenmusik untermalt, ließen Peter Kuhz, links, und Esther Lorenz im Nibelungensaal des Rathauses die jüdische Seele klingen und die Geschichte dieser Glaubensgemeinschaft lebendig werden. ml/Bild:ml


Lorsch. In die Reihe der besonderen Liederabende zum Gedenken an die 'Reichskristallnacht' reihte sich am Dienstag auch das Konzert der Sängerin Esther Lorenz und des Gitarristen Peter Kuhz ein. Im Nibelungensaal des Rathauses spielten sie Lieder aus ihrem neuen Programm 'Yedid Nefesh', was übersetzt heißt 'Jüdische Seele.' Mit kleinen zarten Liedern, mit Gedichten und Geschichten von und über Juden, mit handgemachter Musik, ohne technischen Schnickschnack, handgeschriebenen Noten und mit einer klaren Stimme verzauberte das Künstlerpaar die Besucher, die ihnen freudig Beifall spendeten. Es waren jüdische Lieder in hebräischer Sprache, wie Esther Lorenz erläuterte. Sie erzählten von israelischen Pionieren beim Aufbau ihres Landes. Es waren Lieder über die Liebe 'Ma omrot eynayich' (Was erzählen Deine Augen?) und den Frieden 'Machar' (Der Morgen, der den Frieden bringt, wenn Blumen aus Felsspalten wachsen). Es waren Lieder der sephardischen Juden, jener Menschen, die 1492 aus Spanien vertrieben wurden, xUna matica rudax, ein sephardisches Hochzeitslied, bei dem man noch ein wenig den maurischen Hintergrund heraushörte. Er klang aber auch an in 'Yo menamori de Eire' (Der Ort, wo man Erfüllung findet, ist der Ort wo man steht).

Sie sang von der Sehnsucht des Königs David nach seinem Gott, 'Ken bakodesh' (Gott, du bist mein Gott nach dem ich suche, Psalm 63). Psalmen seien Lieder, die von mehrstimmigen Chören auf den Stufen des Tempels gesungen worden seien. Sie sang Lieder, die von und über Gott sprachen, 'Shir sameach' (Zünde in uns Kraft an), oder 'Dodi li' (Mein Freund ist mein und ich bin sein). Dabei ist 'Dodi' sowohl Freund als auch Geliebter, wie in dem Lied 'Kol dodi.' Mit 'Kirja jefeyfija' (Wunderschöne Stadt) sang Esther Lorenz ein altes Volkslied aus der Zeit (bis 525 v. Chr.) als es im Jemen noch mehrere jüdische Königreiche gab. Sie sang ein Wiegenlied Baxa menucha (Die Stille kommt) und sie erzählte Geschichten aus dem Talmud und Gedichte jüdischer Autoren. Sie informierte die Zuhörer über Geschichte und Brauchtum im jüdischen Leben, so in dem Lied 'Roni vesimchi', das vom 'Lichterfest' (8.12.) erzählt, das zurück geht auf das 2. Jahrhundert, als sich die Juden vom Joch der Syrer befreiten. Peter Kuhz, der seit zehn Jahren zusammen mit Esther Lorenz 'on Tour' ist, untermalte die Lieder mit dezenter Gitarrenmusik. Sie Spielkunst zeigte er in zwei Soli, einmal mit einem chassidischen Tanz und dann mit xSisu et Jerushalaymx, einem vertonten Text aus der Thora. Dass er auch singen konnte, zeigte er bei der Zugabe mit 'Halleluja'. Die zweite Zugabe 'Hava na gila hava' war ebenso bekannt wie 'Donna Donna', der nicht angesagte Titel aus den 60er-Jahren, den Donovan zu Weltruhm gebracht hatte. Stadträtin Helga Rhein hatte das Künstlerpaar begrüßt und sie bedankte sich namens der Stadt mit Blumen, einem Weinpräsent, einem Lob auf den gelungenen Abend und der Hoffnung, dass man die beiden Musiker wieder einmal in Lorsch hören werde.
Alle Texte und Bilder: Norbert Weinbach



 
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